Als ich mich 2007 mit Web- und Grafikdesign selbständig machte, dachte ich vor allem an die fachliche Seite meiner Arbeit: Websites entwickeln, Gestaltungskonzepte erarbeiten, technische Lösungen finden und Kund*innen dabei unterstützen, ihre Ideen sichtbar zu machen.
Natürlich gehörte Kommunikation von Anfang an dazu. Trotzdem wurde mir erst über die Jahre bewusst, wie gross dieser Anteil tatsächlich ist. Viele Projekte scheitern nicht daran, dass Menschen fachlich nicht kompetent genug sind. Herausfordernd wird es oft dort, wo unterschiedliche Erwartungen, Unsicherheiten, Missverständnisse oder Enttäuschungen aufeinandertreffen.
Rückblickend bestand ein grosser Teil meiner Arbeit nie nur aus Gestaltung oder Technik. Es ging immer auch darum, zuzuhören, Bedürfnisse zu verstehen, zwischen unterschiedlichen Vorstellungen zu vermitteln und Vertrauen zu halten – besonders dann, wenn nicht alles sofort reibungslos verlief.
Gerade die schwierigeren Erfahrungen aus fast 20 Jahren Selbständigkeit haben meine heutige Arbeit als Coach stark geprägt.
Was frühere Erfahrungen über Zusammenarbeit erzählen können
Einige Male kamen Kund*innen zu mir, die bereits mehrere schwierige Erfahrungen mit anderen Dienstleistern gemacht hatten. Sie erzählten, wie enttäuscht sie waren, wie wenig sie sich verstanden fühlten und dass sie nun jemanden suchten, dem sie „endlich“ vertrauen könnten.
Und natürlich sprach das auch etwas in mir an: den Wunsch zu helfen, den Anspruch, gute Arbeit zu leisten – und vielleicht auch ein Stück Stolz und die Vorstellung: „Ich bekomme das hin.“
Mit der Zeit durfte ich lernen, genauer hinzuhören.
Denn manchmal zeigte sich im Verlauf der Zusammenarbeit, dass die Schwierigkeiten nicht nur mit den vorherigen Situationen zusammenhingen. Die gleichen Konfliktmuster tauchten erneut auf: Erwartungen blieben unausgesprochen, Grenzen wurden schwierig oder Unzufriedenheit richtete sich immer wieder nach aussen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jede negative Erfahrung automatisch etwas über die Person aussagt, die davon erzählt. Menschen erleben tatsächlich schlechte Zusammenarbeit, unprofessionelles Verhalten oder enttäuschende Situationen.
Und gleichzeitig sagt die Art, wie jemand über vergangene Konflikte spricht, oft etwas darüber aus, wie jemand mit Verantwortung, unterschiedlichen Perspektiven und Spannungen umgeht.
Heute achte ich deshalb sehr darauf, ob jemand frühere Zusammenarbeit trotz Schwierigkeiten wertschätzend beschreiben kann. Ob Raum dafür bleibt, dass mehrere Sichtweisen existieren. Ob neben Kritik auch Reflexion möglich ist.
Diese Dynamik begegnet uns nicht nur in der Selbständigkeit. Sie zeigt sich genauso bei Stellenwechseln, in Teams, bei Führungsfragen oder in der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen.
Emotionen verstehen, ohne alles persönlich zu nehmen
Gerade im Bereich Webdesign und Technik habe ich oft erlebt, wie stark Emotionen werden können, wenn etwas nicht funktioniert:
Eine Website macht plötzlich nicht das, was sie soll. Vielleicht hat ein Update etwas verändert, eine Einstellung wurde versehentlich angepasst oder eine Funktion ist nicht mehr dort, wo sie erwartet wurde. Für mich als Fachperson war oft schnell erkennbar, was passiert war und welche Lösung es brauchte. Für mein Gegenüber fühlte sich die gleiche Situation vielleicht nach Kontrollverlust, Überforderung oder grossem Stress an.
Diese Anspannung landet dann manchmal bei der Person, die gerade greifbar ist.
Auch das musste ich über die Jahre immer wieder differenzieren lernen. Kritik ernst zu nehmen, ohne automatisch in Verteidigung zu gehen. Hinzuschauen, welcher Anteil tatsächlich meine Verantwortung ist und welcher Anteil aus der Situation meines Gegenübers entsteht.
Das heisst nicht, alles hinzunehmen oder eigene Grenzen zu übergehen. Manchmal ist Kritik berechtigt und wichtig. Manchmal zeigt sie einen Punkt, an dem etwas verbessert werden darf.
Aber nicht jede starke Emotion des Gegenübers ist ein Urteil über die eigene Kompetenz.
Gerade in angespannten Situationen entsteht oft viel mehr Bewegung, wenn jemand ruhig bleibt, zuhört und zuerst versucht zu verstehen, was hinter der Reaktion liegt.
Die eigene Reaktion ist Teil der Zusammenarbeit
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus vielen Jahren Selbständigkeit war für mich, dass Konflikte selten nur durch das Verhalten einer einzelnen Person entstehen.
Natürlich gibt es schwierige Situationen. Natürlich gibt es Grenzüberschreitungen, ungerechte Kritik oder Momente, in denen Zusammenarbeit nicht mehr funktioniert.
Aber spannend wurde es für mich immer an dem Punkt, an dem ich meine eigene Reaktion beobachten konnte.
Was passiert in mir, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle? Wann entsteht der Wunsch, mich sofort zu erklären oder zu verteidigen? Wann möchte ich unbedingt erreichen, dass mein Gegenüber meine Perspektive versteht?
Gerade solche Momente zeigen oft viel über eigene Muster.
Mit den Jahren wurde mir wichtiger, nicht nur auf den Inhalt eines Konflikts zu schauen, sondern auch auf die Dynamik dahinter:
Was passiert gerade zwischen uns?
Welche Erwartungen treffen aufeinander?
Welche Bedürfnisse oder Verletzungen stehen vielleicht unausgesprochen im Raum?
Diese Fragen begleiten mich heute auch im Coaching.
Beziehungen bewusst beenden
Ein Thema, über das aus meiner Sicht viel zu wenig gesprochen wird, ist das Ende einer Zusammenarbeit.
Denn Professionalität zeigt sich nicht nur darin, wie wir Beziehungen beginnen. Sie zeigt sich auch dann, wenn Erwartungen auseinandergehen, ein Projekt nicht weitergeführt wird oder unterschiedliche Vorstellungen bestehen bleiben.
Gerade in schwierigen Momenten ist die Versuchung gross, innerlich abzuschliessen, abzuwerten oder nur noch die eigene Perspektive zu sehen.
Dabei bleibt die Art, wie eine Zusammenarbeit endet, oft lange in Erinnerung.
Ich habe über die Jahre erlebt, wie wertvoll es ist, auch schwierige Abschlüsse bewusst zu gestalten: klar zu kommunizieren, Verantwortung für den eigenen Anteil zu übernehmen und trotz unterschiedlicher Sichtweisen respektvoll auseinanderzugehen.
Das bedeutet nicht, jeden Konflikt lösen zu können. Manche Wege trennen sich. Aber auch ein Ende kann mit Klarheit und Wertschätzung gestaltet werden.
Nach fast 20 Jahren Selbständigkeit nehme ich heute weit mehr mit als fachliche Erfahrung in Gestaltung, Technik und Kommunikation.
Ich nehme unzählige Begegnungen mit Menschen mit – mit Menschen, die vor wichtigen Entscheidungen standen, etwas Eigenes aufbauen wollten, unsicher waren, unter Druck standen oder mit Veränderungen umgehen mussten.
Ich durfte erleben, wie unterschiedlich Menschen Situationen wahrnehmen, wie schnell Missverständnisse entstehen können und wie viel möglich wird, wenn wieder Raum für gegenseitiges Verstehen entsteht.
Diese Erfahrungen fliessen heute in meine Arbeit als Coach ein. Denn überall dort, wo Menschen miteinander arbeiten, entstehen Fragen, die über reine Sachthemen hinausgehen:
Wie gehen wir mit Unsicherheit um?
Wie sprechen wir über unterschiedliche Sichtweisen?
Und wie bleiben wir miteinander im Kontakt, auch wenn es herausfordernd wird?
Weiterführende Gedanken
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