Bauchgefühl & Intuition in der Selbstaendigkeit

Was mich fast 20 Jahre Selbständigkeit über Intuition gelehrt haben

In meinen fast 20 Jahren Selbständigkeit als Web- und Grafikdesignerin habe ich bei Aufträgen mehrfach erlebt, dass vordergründig alles perfekt wirkte – und sich später trotzdem zu einer schwierigen Zusammenarbeit entwickelte.

Die Projekte klangen spannend, die Menschen sympathisch, die Möglichkeiten verlockend. Rational sprach wenig dagegen. Und trotzdem entwickelte sich daraus später oft genau das, wovor mich mein Bauchgefühl eigentlich schon gewarnt hatte.


Wenn Rationalität und Wahrnehmung auseinandergehen

Gerade in den ersten Jahren meiner Selbständigkeit rückte dieses Gefühl oft schnell in den Hintergrund, sobald die Gedanken lauter wurden. Oft war die Begeisterung ansteckend, die Vorstellungen wirkten klar und die Bezahlung wurde ganz selbstverständlich zugesichert.

Und je unsicherer ich innerlich wurde, desto eher begann ich, andere Menschen nach ihrer Einschätzung zu fragen – vor allem bei wirklich grossen Projekten. Manche Menschen haben eine so vertrauenswürdige und kompetente Ausstrahlung, dass man sich gerne an sie wendet und ihre Sichtweise fast automatisch höher gewichtet als die eigene Wahrnehmung. Gerade wenn sie selbst sehr überzeugt auftreten, beginnt man schnell, die eigene Irritation zu relativieren.

Mehr als einmal habe ich diese Wahrnehmung ignoriert und den Auftrag trotzdem angenommen. Jedes Mal zeigte sich später, warum dieses anfängliche Gefühl da gewesen war.

Manche Projekte entwickelten sich zu einem regelrechten Fiasko, andere einfach zu etwas enorm Anstrengendem und Ausuferndem. Diskussionen über Aufwand, plötzliches Knausern bei der Bezahlung oder völlig unrealistische Erwartungen gehörten dann fast immer dazu.

Doch es gab auch die gegenteiligen Fälle.

Manche Menschen kamen mit einer enormen Komplexität an Ideen und Gedanken auf mich zu. Für viele andere wäre das vermutlich einfach nur chaotisch oder überfordernd gewesen. Rational sprach einiges dagegen, daraus ein klares und gut umsetzbares Projekt entstehen zu sehen.

Mein Bauchgefühl sagte mir aber oft sehr klar:
Daraus kann etwas richtig Gutes entstehen.

Während des Gesprächs begann ich bereits, die Zusammenhänge intuitiv zu erfassen und innerlich eine Struktur darin zu erkennen. Ich wusste, dass ich diese Gedanken und Ideen in eine klare Form bringen konnte.

Genau daraus entstanden die besten und vertrauensvollsten Kooperationen.


Sympathie ist keine Garantie für gute Zusammenarbeit

Etwas Ähnliches habe ich auch in zwischenmenschlichen Konstellationen erlebt. Es reicht nicht, privat auf einer Wellenlänge zu sein oder ähnliche Interessen, politische Ansichten oder Hobbies zu haben. Gerade im beruflichen Kontext sagt das erstaunlich wenig darüber aus, ob Menschen wirklich gut zusammenarbeiten können.

Zwar habe ich die Erfahrung gemacht, dass unterschiedliche Charaktere sehr bereichernd sein können, wirklich schwierig wird es aber dann, wenn grundlegende Werte auseinandergehen.

Wie ernst nimmt jemand Verantwortung?
Wie geht jemand mit Verbindlichkeit um?
Wie wichtig sind Fairness, Klarheit oder sorgfältiges Arbeiten?

Darüber wird am Anfang oft viel zu wenig gesprochen, weil Sympathie vieles überdeckt.


Wenn etwas besonders schnell gross werden soll

Gerade in meiner Zeit als Web- und Grafikdesignerin habe ich immer wieder erlebt, wie viel Druck hinter neuen Geschäftsideen stehen kann. Menschen wollten möglichst schnell eine Website, eine Plattform oder ein neues Angebot umsetzen. Oft hing sehr viel Hoffnung daran, teilweise auch ein grosser Teil der eigenen Existenz.

Besonders eindrücklich waren für mich Situationen, in denen Erwartungen entstanden, die kaum realistisch erfüllbar waren. Eine Plattform sollte innerhalb weniger Monate „durch die Decke gehen“, eine neue Website sofort Kundschaft bringen oder ein Projekt möglichst schnell profitabel werden.

Mit der Zeit wurde mir immer klarer, wie sehr Vertrauen, Sichtbarkeit und stabile Zusammenarbeit eigentlich von Zeit abhängen. Menschen beobachten zunächst, machen erste Erfahrungen und sprechen dann irgendwann mit anderen darüber. Persönliche Empfehlungen wiegen dabei oft deutlich stärker als jede Werbung oder Social-Media-Kampagne.

Wenn gleichzeitig möglichst alles schnell gehen soll und enorm viel Existenzdruck dahinter liegt, wurde ich zunehmend vorsichtig. Denn häufig fehlte in solchen Situationen nicht nur die Geduld, sondern auch die wirtschaftliche Grundlage, um ein Projekt langfristig tragen zu können.

Blieben die erhofften Ergebnisse aus, begann nicht selten die Suche nach einem Schuldigen. Rückblickend ging es dabei jedoch nie wirklich um Design oder Technik. Dahinter lagen meist Druck, Unsicherheit und die Hoffnung, dass endlich etwas funktionieren möge.

Gerade wenn finanzielle Engpässe eine grosse Rolle spielen, können Menschen sehr unangenehm werden, sobald die Realität nicht mit ihren Erwartungen Schritt hält.

Heute sehe ich solche Dynamiken deutlich klarer als früher. Damals wollte ich oft helfen, unterstützen oder gemeinsam etwas Grosses möglich machen. Teilweise spielte sicher auch der Wunsch mit hinein, etwas an etwas Bedeutendem mitwirken zu dürfen.

Ähnlich war es bei Kund:innen, die sehr abwertend über frühere Dienstleister oder Zusammenarbeitspartner sprachen. Früher sprang bei mir manchmal sofort der Gedanke an: Das mache ich besser. Heute sehe ich darin eher ein Warnsignal.

Eine wichtige Erkenntnis daraus war für mich, wie viel die Haltung eines Menschen über die Qualität einer zukünftigen Zusammenarbeit aussagen kann. Menschen, die trotz schwieriger Erfahrungen respektvoll und wertschätzend über frühere Zusammenarbeitspartner sprechen können, bringen meist auch eine wesentlich respektvollere Grundlage für Zusammenarbeit mit.

Rückblickend zeigte sich oft schon sehr früh, ob eine Zusammenarbeit auf einer guten Grundlage stand — oder ob Begeisterung, Druck oder unrealistische Erwartungen den Blick auf wichtige Warnsignale überdeckten.


Was sich mit der Zeit verändert hat

Die Intuition selbst war eigentlich immer da. Mit den Jahren wurde jedoch der Zugang dazu klarer und unmittelbarer.

Viele Wahrnehmungen zeigen sich nicht als eindeutiger Gedanke, sondern eher als leises Bauchgefühl, eine Irritation oder das Empfinden, dass etwas nicht wirklich zusammenpasst. Früher habe ich solchen Signalen oft weniger Gewicht gegeben als der Euphorie anderer Menschen, ihren Einschätzungen oder meiner eigenen Hoffnung, dass etwas funktionieren könnte.

Gerade durch die vielen Erfahrungen mit Menschen, die sehr überzeugend auftraten und denen die meisten automatisch vertrauten, wurde meine Intuition immer klarer. Oft hatte ich zunächst selbst gezweifelt, mein Bauchgefühl relativiert oder andere Einschätzungen höher gewichtet — bis sich später zeigte, dass meine anfängliche Wahrnehmung nicht unbegründet gewesen war.

Heute traue ich mich deshalb auch, solchen Menschen zu widersprechen und meine eigene Sichtweise ernst zu nehmen — selbst in Gruppen oder Teamkonstellationen. Der Mut kommt nicht von irgendwoher, sondern aus Vertrauen durch Erfahrung.

Und genau darin begleite ich heute auch viele Menschen als Coach: die eigene Wahrnehmung klarer einordnen zu können, innere Irritationen ernst zu nehmen und mehr Vertrauen in die eigene Einschätzung zu entwickeln — gerade in Situationen, in denen Erwartungen, Druck oder starke Meinungen von aussen die eigene Wahrnehmung schnell überlagern können.

Denn oft sind wichtige innere Hinweise längst da. Sie gehen nur leicht unter, wenn im Aussen vieles besonders überzeugend, laut oder eindeutig wirkt.

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