Bärndütsch?Schwyzerdütsch? Hochdeutsch?

Verstehen Sie Schweizerdeutsch?

Die Frage, die mir hier im Alltag und auch zu Beginn vieler Coaching-Sitzungen am häufigsten gestellt wird, lautet:

„Verstehen Sie Schweizerdeutsch?“
Oder einfach:
„Ist Bärndütsch ok?“

Diese Frage ist keineswegs banal.

Denn darin steckt oft viel mehr als nur die Frage nach Sprache.

→ Verstehen Sie mich wirklich?
→ Kann ich bei Ihnen so sprechen, wie es mir direkt vom Herzen kommt?
→ Kann ich mich fallen lassen, ohne ständig über Formulierungen nachdenken zu müssen?
→ Kann ich einfach geradeheraus aussprechen, was mir in den Sinn kommt?

Gerade in Coaching-Prozessen ist das ein wichtiger Punkt. Wenn wir emotional näher an eigene Themen herankommen wollen, ist die Muttersprache oft der direkteste Zugang. Alles später Erlernte bringt uns stärker in den Kopf. Wir sprechen anders, denken anders und erleben uns häufig auch etwas anders, wenn wir nicht in der Sprache sprechen, in der wir emotional verwurzelt sind.

Und ja: Ich verstehe Schweizerdeutsch inzwischen sehr gut.


Mein Weg ins Schweizerdeutsche

Als ich Anfang 2022 in die Schweiz gezügelt bin, lebte ich zunächst in einer grossen Gemeinschaft in der Ostschweiz, in der Menschen aus ganz unterschiedlichen Regionen der Deutschschweiz zusammenkamen.

Gleichzeitig begann meine Coaching-Ausbildung in Zürich. Dozent:innen und Teilnehmende achteten dort direkt darauf, ob alle Schweizerdeutsch verstehen oder ob lieber Hochdeutsch gesprochen werden soll. So erlebte ich es auch in der Gemeinschaft und im Arbeitskontext. Sobald jemand Mühe mit Mundart hatte, wechselten die meisten ganz selbstverständlich ins Hochdeutsche.

Generell nehme ich Schweizer:innen bis heute oft als sehr aufmerksam im Umgang mit Sprache wahr. Sie nehmen Rücksicht, denken mit und reagieren sehr schnell. Ich hatte selten das Gefühl, sprachlich einfach „überrumpelt“ zu werden.

Durch das alltägliche Zusammenleben, lange und tief gehende Gespräche sowie zahlreiche Coaching-Settings mit Menschen aus verschiedenen Kantonen lernte ich Schweizerdeutsch erstaunlich schnell zu verstehen – und mit der Zeit auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Dialekten.

Im Sommer 2025 verlagerte ich meinen Lebensmittelpunkt nach Bern. Das Bärndütsch bringt nochmals ganz eigene Wörter und Eigenheiten mit sich, die teilweise selbst andere Schweizer:innen nicht immer sofort verstehen. Aber auch hier habe ich schnell dazugelernt.

Und wenn ich einmal etwas nicht verstehe, frage ich nach. Das kommt allerdings eher selten vor.


Zwischen Hochdeutsch und Schwyzerdütsch

Was mir bis heute immer wieder auffällt:
Viele Schweizer:innen wechseln automatisch ins Hochdeutsche, sobald ihr Gegenüber Hochdeutsch spricht.

So zumindest habe ich es standardmässig in der Ostschweiz erlebt, wo das Hochdeutsche geografisch nochmals näher liegt und natürlich auch viele Grenzgänger:innen in die Region bringt.

In Bern dagegen war ich bei meinen ersten Besuchen ziemlich fasziniert davon, wie konsequent viele Berner:innen im Berndeutschen bleiben – selbst dann, wenn ihr Gegenüber reines Hochdeutsch spricht. Auch öffentliche Werbetexte in Zeitungen, im ÖV oder auf Plakaten begegnen einem hier sehr häufig auf Schwyzerdütsch, während beispielsweise in St. Gallen deutlich das Hochdeutsche dominiert.

Und dennoch ist es auch in Bern meist selbstverständlich, spätestens nach ein paar Sätzen nachzufragen, ob man Berndeutsch versteht oder ob lieber Hochdeutsch gesprochen werden soll.

Ich habe das Gefühl, dass Schweizer:innen generell sehr aufmerksam sprachlich hinhören und fast schon automatisch darauf achten, wie ihr Gegenüber spricht.

Wenn ich dann sage, dass Schweizerdeutsch für mich vollkommen ok ist, folgt oft fast ein kleines erleichtertes Aufatmen. Natürlich sprechen die meisten lieber ohne zusätzliche Anstrengung weiter.

Deshalb erinnere ich Menschen im Coaching auch bewusst daran, falls sie doch automatisch ins Hochdeutsche wechseln sollten. Denn häufig verändert sich dadurch sofort etwas in der Atmosphäre. Viele sprechen freier, unmittelbarer und emotional näher an ihren eigentlichen Themen, sobald sie wieder in ihrer Mundart sprechen.

Selbst Schweizerdeutsch sprechen zu lernen, habe ich dagegen irgendwann nicht weiter verfolgt. Zu Beginn war ich durchaus motiviert dazu – gleichzeitig begegnete ich aber auch einzelnen Schweizer:innen, die es bevorzugten, wenn Deutsche beim Hochdeutschen bleiben. Das hat mich damals etwas verunsichert, und irgendwann blieb es einfach dabei:

Ich spreche einfach Hochdeutsch – und verstehe gut Schwyzerdütsch.
Die ein oder anderen schweizerischen Ausdrücke und grammatikalischen Wendungen habe ich allerdings inzwischen schon adaptiert.

Und ich muss ehrlich sagen:
Ich höre den Menschen hier unglaublich gerne zu.


Meine eigene Sprachgeschichte

Vielleicht berührt mich Schweizerdeutsch auch deshalb so sehr, weil meine eigene sprachliche Geschichte ganz anders aussieht.

Ich wurde in München geboren und bin im Umland von München gross geworden. Meine Mutter stammt aus Finnland, mein Vater aus Baden-Württemberg, die vorhergehende Familienlinie eher aus Preussen. Zuhause wurde deshalb Hochdeutsch gesprochen, was in den Vororten von München auch völlig normal war. Der leichte oberbayerische Einschlag ist nur in wenigen regional verwendeten Wörtern und einer etwas weicheren Aussprache bemerkbar.

Von meiner Sprach- und Kulturwahrnehmung her fühlte ich mich jedoch seit jeher viel stärker dem gesamten deutschsprachigen Alpenraum verbunden – also neben dem Süddeutschen auch dem Österreichischen und Schweizerischen. Auch das Skandinavische lag mir nicht nur im Blut, sondern weckte in mir eine tiefe Verbundenheit mit der Landschaft und Lebensart der nordischen Länder.

Da ich jedoch leider nicht mehrsprachig aufgewachsen bin, war es oft ein merkwürdiges Gefühl, weder meine finnischen Verwandten noch meine Verwandten aus dem Schwarzwald wirklich zu verstehen – und auch nicht die zweite Frau meines Vaters, die tiefstes Kölsch mit ins Haus brachte. Das Plattdeutsche, das mein Grossvater noch zu sprechen wusste, verstand bereits mein Vater nicht mehr.

Es ist seltsam, um die eigenen Wurzeln zu wissen und sich innerlich teilweise verbunden zu fühlen, diesen Teil sprachlich aber nie wirklich verinnerlicht zu haben.

Gleichzeitig habe ich in der Schule erlebt, wie Kinder mit starkem Bayerisch – die also eigentlich viel stärker regional verwurzelt waren – teilweise gehänselt wurden. Zwischen Stadt und Land existierte ein deutliches sprachliches Gefälle. Auch Lehrer:innen korrigierten Dialekt immer wieder in Richtung Hochdeutsch, und spätestens an der Universität galt Hochdeutsch praktisch als Pflichtsprache. Dialekt hatte dort keinen Platz mehr.

Ich empfand das schon damals als sehr schade.

Die gesellschaftliche Haltung zu Dialekt war in meinem Umfeld oft unterschwellig wertend – fast so, als wäre Dialekt ein Ausdruck geringerer Bildung oder fehlender Professionalität.

Umso mehr berührt mich heute die Selbstverständlichkeit, mit der Schweizer:innen ihre Mundart sprechen. Professionalität oder Bildung haben hier nicht im Geringsten etwas damit zu tun.


Sprache, Zugehörigkeit und Integration

Auch ein anderer Aspekt ist mir in der Schweiz sehr aufgefallen.

In meiner Kindheit und Jugend in Deutschland erlebte ich, wie sich durch den Einfluss verschiedener Herkunftssprachen und sozialer Milieus teilweise ganz neue Sprachformen entwickelten – etwa das, was viele unter „Kanak“ kennen. Diese Sprachformen verbreiteten sich über die Jahre weit über einzelne Gruppen hinaus und prägten ganze Generationen von Jugendlichen sprachlich mit.

Hier in Bern fiel mir dagegen schnell auf, dass die meisten Menschen mit erkennbarem internationalem Hintergrund ganz selbstverständlich Berndeutsch sprechen – manchmal mit leichtem Akzent, aber oft mit einer grossen Natürlichkeit und Zugehörigkeit zum Sprachraum.

Ja, es gibt hier in Bern sogar VHS-Kurse, in denen Menschen aus nicht deutschsprachigen Herkunftsländern Berndeutsch lernen können. Als Hochdeutsch-Sprechende fühle ich mich dabei manchmal fast etwas weniger zugehörig.

Wahrscheinlich berührt mich Schweizerdeutsch deshalb bis heute so sehr, weil ich Sprache hier als etwas sehr Lebendiges, Persönliches und Wertungsfreies wahrnehme.

Jedenfalls freue ich mich jedes Mal, wenn Menschen im Coaching einfach in ihrem Dialekt reden und so ganz eintauchen können. So können sie ganz authentisch bei sich selbst sein und dadurch ein wirksamer Prozess entstehen.

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