Was mich 19 Jahre Selbständigkeit über Kontrolle, Vertrauen und Abgeben gelehrt haben
Eine der ersten Entscheidungen in meiner Selbständigkeit war: Ich möchte meine Kundinnen und Kunden möglichst unabhängig machen.
Seit 2007 habe ich Websites so aufgebaut, dass Menschen ihre Inhalte selbst bearbeiten, aktualisieren und weiterentwickeln konnten. Sie sollten nicht für jede kleine Änderung auf mich angewiesen sein. Und wenn sie irgendwann mit jemand anderem weiterarbeiten wollten, sollte auch das möglich sein.
Im Kern war der Gedanke also von Anfang an da: Ich wollte mich möglichst entbehrlich machen.
Interessanterweise war genau das an anderen Stellen viel schwieriger.
Wenn Verantwortung zur ständigen Verfügbarkeit wird
Über viele Jahre gab es einen Bereich, den ich kaum abgegeben habe: die technische Verantwortung im Hintergrund.
Ich hatte lange niemanden, den ich wirklich mit gutem Gefühl hätte empfehlen können, wenn bei einer Website oder einem Server ein Problem auftrat. Also blieb diese Verantwortung bei mir.
Das führte dazu, dass ich meinen Laptop selbstverständlich mit in den Urlaub nahm. Schliesslich konnte jederzeit ein Serverproblem auftreten oder eine dringende Anfrage eintreffen. Ich wollte erreichbar sein, falls jemand meine Unterstützung brauchte.
Und manchmal passierte genau das.
Doch selbst wenn nichts geschah, blieb innerlich eine Art Bereitschaft bestehen. Mal kurz E-Mails prüfen. Kurz schauen, ob alles läuft. Nur schnell etwas kontrollieren.
Rückblickend war weniger die tatsächliche Arbeitszeit das Problem. Es war vielmehr das Gefühl, nie ganz rauszugehen.
Die gute Absicht hinter zu viel Verantwortung
Ich glaube, viele Menschen kennen diese Dynamik – gerade Selbständige, Führungskräfte oder Menschen mit hoher Verantwortung.
Hinter dem Wunsch, alles im Blick zu behalten, steckt häufig etwas sehr Positives: Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein und der Wunsch, andere Menschen nicht hängen zu lassen.
Gleichzeitig kann genau diese Stärke irgendwann zur Belastung werden.
Denn wenn alles über eine Person läuft, entsteht eine Abhängigkeit – für die anderen und für einen selbst.
Mit der Zeit habe ich verstanden, dass Verantwortung auch bedeutet, Strukturen zu schaffen, die ohne die eigene permanente Anwesenheit funktionieren.
Vertrauen entsteht auch durch Abgeben
Mit den Jahren begann ich bewusst, Kooperationen aufzubauen und mein Wissen breiter zu verteilen. Ich lernte Kolleginnen und Kollegen kennen, denen ich fachlich und menschlich vertraute. Schritt für Schritt entstand ein Netzwerk, sodass ich Verantwortung auch einmal abgeben konnte, wenn ich im Urlaub war oder Unterstützung brauchte.
Rückblickend war das weit mehr als eine organisatorische Veränderung. Ich musste lernen, Kontrolle loszulassen und darauf zu vertrauen, dass andere Menschen Aufgaben auf ihre eigene Weise gut übernehmen können.
Diese Erfahrung hat meine heutige Arbeit stärker geprägt, als mir damals bewusst war.
Verantwortung heisst auch, die eigene Rolle zu klären
Heute begegnet mir dieselbe Dynamik aus einer anderen Perspektive wieder.
In Unternehmen, Teams oder Führungsrollen geht es häufig um ähnliche Fragen.
Welche Verantwortung gehört tatsächlich zu meiner Rolle?
Wo beginne ich, Verantwortung für Dinge oder Menschen zu übernehmen, die ausserhalb meines Einflusses liegen?
Gerade Menschen mit einem hohen Verantwortungsgefühl geraten manchmal in die Situation, immer mehr aufzufangen. Sie lösen Probleme, springen ein, halten Dinge zusammen – und merken erst spät, dass daraus eine dauerhafte Rolle geworden ist.
Häufig geht es zunächst um Organisation, Zeitmanagement oder Arbeitsbelastung. Im Gespräch zeigen sich hinter diesen Themen oft genau diese Fragen.
Genau hier wird Kontrolle zu einem spannenden Thema. Sie vermittelt Sicherheit und kann gleichzeitig viel Energie binden.
Was ich aus 19 Jahren Selbständigkeit mitnehme
Diese Erfahrungen begleiten mich heute in jedem Coaching auf eine andere Weise.
Damals habe ich gelernt, Verantwortung sinnvoll zu organisieren. Heute begleite ich Menschen dabei, ihre eigene Verantwortung klarer einzugrenzen, Rollen bewusster wahrzunehmen und dort loszulassen, wo Kontrolle mehr Kraft kostet als sie gibt.
Vielleicht ist eine der schwierigsten Entwicklungen dabei, den eigenen Wert nicht daran zu messen, wie unverzichtbar man ist.
Diese Unterscheidung wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Im beruflichen Alltag verändert sie oft erstaunlich viel.
Was sich im Coaching häufig verändert
Viele Menschen kommen mit dem Gefühl ins Coaching, ständig für alles verantwortlich zu sein – für Projekte, Entscheidungen, Konflikte oder die Erwartungen anderer.
Im gemeinsamen Prozess wird oft deutlicher, welche Verantwortung tatsächlich zur eigenen Rolle gehört und wo unbewusst mehr getragen wird, als eigentlich notwendig wäre. Daraus können neue Handlungsspielräume entstehen: Verantwortung bewusst übernehmen, klarer abgrenzen und dort loslassen, wo Kontrolle mehr Kraft kostet als sie gibt.
Wenn Sie ähnliche Fragen beschäftigen …
Wenn Sie merken, dass Verantwortung, Rollen oder das Gefühl ständiger Zuständigkeit Sie im Berufsalltag begleiten, kann es hilfreich sein, diese Dynamiken gemeinsam genauer anzuschauen. Im Coaching schaffen wir Raum, Verantwortung bewusster einzugrenzen, eigene Muster zu verstehen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
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