Welche Geschichten erzählen wir uns über uns selbst?
Wir erzählen uns ständig Geschichten. Storytelling beschreibt in diesem Zusammenhang die inneren Erzählungen, mit denen wir unsere Erfahrungen, Entscheidungen und unser Selbstbild einordnen.
Unser Verstand versucht, Erlebnisse einzuordnen, Zusammenhänge herzustellen und eine Orientierung zu schaffen. Aus Erfahrungen, Erinnerungen, Überzeugungen und Erwartungen entwickelt sich eine innere Erzählung darüber, wer wir sind, was wir können und welche Möglichkeiten wir für uns sehen.
Diese Fähigkeit ist grundsätzlich wichtig – ohne sie könnten wir kaum Entscheidungen treffen. Unsere Erfahrungen helfen uns, Situationen einzuschätzen, aus Vergangenem zu lernen und uns in einer komplexen Welt zurechtzufinden.
Schwierig wird es, wenn wir eine innere Geschichte so lange mit uns tragen, dass wir sie gar nicht mehr als Geschichte erkennen. Eine Überzeugung kann sich irgendwann wie eine Tatsache anfühlen, obwohl sie auf Interpretationen, alten Erfahrungen oder erlernten Mustern beruht.
Ein erster Schritt kann daher sein, überhaupt wahrzunehmen, welche Gedanken und inneren Erzählungen gerade in uns wirken. Gedanken sind Impulse. Sie dürfen wahrgenommen werden, ohne dass wir sie automatisch für die ganze Wahrheit halten müssen.
Die Brille, durch die wir unsere Wirklichkeit betrachten
Unsere inneren Geschichten wirken wie eine Brille, durch die wir auf die Welt schauen.
Wenn wir über lange Zeit bestimmte Erfahrungen gemacht haben, entwickeln sich daraus Überzeugungen über uns selbst, andere Menschen und darüber, was wir im Leben erwarten können.
Diese Brille beeinflusst, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. In der Psychologie wird dieser Effekt unter anderem als Confirmation Bias beschrieben: Wir nehmen bevorzugt Informationen wahr, die unsere bestehenden Annahmen bestätigen.
Wenn jemand tief in sich die Überzeugung trägt „Ich bin nicht gut genug“, können kritische Rückmeldungen besonders stark wirken. Sie scheinen die bekannte Geschichte zu bestätigen.
Positive Rückmeldungen werden dagegen möglicherweise abgeschwächt oder anders eingeordnet:
„Das war nur Glück.“
„Die Person wollte nur freundlich sein.“
„So besonders war das doch gar nicht.“
So kann eine alte Geschichte immer wieder neue Bestätigung finden, obwohl gleichzeitig auch andere Erfahrungen vorhanden wären.
Gerade hier kann der Blick von aussen wertvoll sein. Andere Menschen können uns helfen, die eigene Brille überhaupt wahrzunehmen. Sie können Fragen stellen, eine andere Perspektive einbringen oder Fähigkeiten erkennen, die für uns selbst selbstverständlich geworden sind.
Gleichzeitig können Menschen in unserem Umfeld auch bestehende Geschichten weiter verstärken, wenn sie selbst ein festes Bild von uns entwickelt haben. Deshalb können neue Begegnungen, andere Perspektiven oder ein neutraler Reflexionsraum helfen, alte Selbstbilder zu überprüfen.
Ein Teil dieses Prozesses kann sein, sich immer wieder zu fragen:
Was nehme ich gerade wirklich wahr?
Welche Geschichte erzähle ich mir darüber?
Warum alte Geschichten gerade bei Veränderung wieder auftauchen
Veränderung bringt Bewegung in unsere bisherigen Muster. Gerade wenn wir vor einem wichtigen Schritt stehen oder etwas Neues wagen, können innere Zweifel besonders präsent werden.
Plötzlich tauchen Gedanken auf:
„Was, wenn das nicht funktioniert?“
„Was, wenn ich scheitere?“
„Was, wenn ich doch lieber beim Alten bleiben sollte?“
Diese Gedanken bedeuten nicht automatisch, dass der neue Weg falsch ist. Häufig begegnen wir an solchen Punkten inneren Anteilen, die eine wichtige Funktion haben. Sie möchten uns schützen, Sicherheit herstellen oder verhindern, dass wir alte schwierige Erfahrungen wiederholen.
Ein hilfreicher Umgang damit kann sein, diese Stimmen zunächst wahrzunehmen und genauer hinzuhören:
Welcher Anteil in mir möchte diesen Schritt gehen?
Welcher Anteil hält mich zurück?
Was gewinne ich, wenn ich etwas verändere?
Und was gibt mir Sicherheit, wenn alles bleibt, wie es ist?
Denn auch das Festhalten an einer alten Geschichte hat häufig einen inneren Nutzen. Sie kann ein Gefühl von Kontrolle vermitteln, vor Enttäuschung schützen oder eine vertraute Erklärung für bisherige Erfahrungen liefern.
Dabei greift der Mensch gerne auf Bekanntes zurück. Wir ordnen ein, bilden Muster und nutzen frühere Erfahrungen, um uns sicherer zu fühlen.
Entwicklung braucht jedoch auch die Bereitschaft, alte Einordnungen zu überprüfen, neue Erfahrungen zuzulassen und den Blick wieder weiter zu öffnen.
Wenn innere Stimmen zum Gedankenkarussell werden
Ein Gedankenkarussell kann ein Hinweis darauf sein, dass verschiedene innere Anteile miteinander eine Diskussion führen.
Ein Anteil möchte wachsen, etwas verändern, einen neuen Schritt wagen.
Ein anderer Anteil erinnert an Risiken, alte Erfahrungen oder mögliche Konsequenzen.
So beginnen die Gedanken zu kreisen. Der Wunsch nach Veränderung trifft auf Zweifel, alte Überzeugungen oder frühere Erfahrungen. Gleichzeitig bleibt die innere Ausrichtung spürbar, die uns ursprünglich zu diesem Schritt bewegt hat.
Diese innere Diskussion kann unglaublich anstrengend werden – vor allem dann, wenn wir beginnen, einen Teil von uns abzuwerten oder gegen uns selbst zu kämpfen. Doch jeder dieser Anteile trägt eine Information.
Veränderung zuzulassen fällt uns leichter, wenn wir aufhören, einzelne Teile von uns zum Gegner zu machen, und stattdessen versuchen zu verstehen, was sie uns zeigen möchten.
Einen Schritt zurücktreten und die eigene Rolle betrachten
Es kann hilfreich sein, innerlich etwas Abstand zu gewinnen und die eigene Situation aus einer grösseren Perspektive zu betrachten.
Der Soziologe Erving Goffman beschreibt in seinem Werk „Wir alle spielen Theater“ das soziale Leben mit der Metapher einer Bühne. Menschen bewegen sich in unterschiedlichen Rollen, gestalten ihr Auftreten und passen ihr Verhalten an verschiedene Situationen und soziale Zusammenhänge an.
Diese Rollen sind dabei nichts Künstliches oder Unechtes. Sie sind Teil unseres sozialen Lebens und helfen uns, uns in verschiedenen Kontexten zu bewegen. Gleichzeitig kann es wertvoll sein, bewusst wahrzunehmen, welche Rollen wir übernommen haben und welche Geschichten damit verbunden sind.
Auch die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen, beeinflussen diese Rollen:
Wer glaube ich zu sein?
Welche Möglichkeiten schreibe ich mir zu?
Welche Grenzen halte ich für unveränderbar?
Wenn wir einen Schritt zurücktreten und uns selbst beobachten, können wir erkennen, welcher inneren Geschichte wir gerade folgen und welche Rolle wir darin einnehmen.
Dadurch gewinnen wir Abstand zu unserer aktuellen Wahrnehmung und schaffen die Möglichkeit, wieder mehr Handlungsspielraum zu entdecken.
Eine Geschichte neu einordnen
Während meines Soziologie-Studiums an der LMU München machte ich mich im Nebenerwerb mit Web- und Grafikdesign selbständig.
Ein wichtiger Bestandteil des Studiums waren Sozialstatistiken. Gegenstand dieser war unter anderem, welchen Einfluss soziale Herkunft, Bildungshintergrund und Lebensumstände auf berufliche Chancen haben.
Rein statistisch betrachtet hatte ich damals keine besonders günstige Ausgangslage: Ich war alleinerziehende Mutter und kam aus einem nicht-akademischen Elternhaus.
Aus eigener Erfahrung wusste ich, welche Herausforderungen damit verbunden sein können: weniger verfügbare Zeit, weniger finanzielle Ressourcen und weniger Unterstützungsmöglichkeiten.
Aber die entscheidende Frage war: Welche Geschichte erzähle ich mir darüber?
Eine mögliche Geschichte wäre gewesen: „Mit diesen Voraussetzungen habe ich kaum eine Chance.“
Eine andere war: „Es wird vermutlich schwieriger. Aber ich möchte diesen Weg trotzdem gehen.“
Ich spürte damals eine sehr starke Motivation und innere Kraft, diese Selbständigkeit aufzubauen. Gleichzeitig war es mehr als eine rein rationale Entscheidung. In mir war ein klares Gefühl, dass ich diesen Weg ausprobieren möchte und bereit bin, meine Energie dort hineinzugeben.
Schliesslich entschied ich mich, mein Studium zu beenden und meine Energie von da an in die vollerwerbliche Selbständigkeit zu investieren. Es brauchte Zeit, Ausdauer und viele Lernprozesse. Einige Jahre später hatte ich mir eine stabile Selbständigkeit aufgebaut.
Die Statistik war dadurch nicht falsch. Die Herausforderungen waren durchaus real – aber sie bestimmten nicht meine einzelne Geschichte.
Für mich wurde diese Erfahrung zu einer wichtigen Erinnerung: Fakten sind wichtig. Ebenso wichtig ist, welche Bedeutung wir ihnen geben.
Mehr Ruhe im Inneren finden
Innere Geschichten verschwinden nicht automatisch, sobald wir sie erkennen. Das ist auch nicht das Ziel. Vielmehr geht es darum, Gedanken wahrzunehmen und die verschiedenen Anteile in uns besser zu verstehen.
Hilfreiche Fragen können sein:
Welche Geschichte läuft gerade in mir?
Woher kenne ich sie?
Dient sie mir heute noch?
Wenn wir aufhören, gegen uns selbst anzukämpfen, kann mehr innere Ruhe entstehen. Aus dieser Ruhe heraus lassen sich Entscheidungen oft klarer treffen.
Wir können erkennen, welche Geschichten aus früheren Erfahrungen entstanden sind und bewusst entscheiden, welchen wir heute noch folgen möchten.
Was sich im Coaching häufig verändert
Viele Menschen erleben im Coaching, dass ihre Gedanken mit der Zeit weniger als unumstössliche Wahrheit und mehr als eine mögliche Sichtweise wahrgenommen werden. Dadurch entsteht Abstand zu alten Geschichten und mehr Offenheit für neue Erfahrungen.
Ebenso verändert sich häufig der Blick auf die eigenen inneren Anteile. Statt gegen einzelne Gedanken oder Gefühle anzukämpfen, wächst das Verständnis für ihre ursprüngliche Funktion und dafür, welche Rolle sie heute noch spielen. Daraus entstehen oft mehr innere Ruhe und neue Handlungsmöglichkeiten.
Coaching kann dabei unterstützen, innere Geschichten, Überzeugungen und unterschiedliche Anteile bewusster wahrzunehmen. Gemeinsam lässt sich erkunden, welche Funktion sie bisher erfüllt haben und welche neuen Perspektiven sich daraus entwickeln können.
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