Selbständigkeit bedeutet auch, den eigenen Wert ernst zu nehmen

Als ich mich 2007 selbständig gemacht habe, beschäftigten mich vor allem die offensichtlichen Fragen: Wie finde ich Kundinnen und Kunden? Wie organisiere ich meine Arbeit? Wie schreibe ich Angebote? Wie kalkuliere ich Preise? Wie baue ich langfristig ein tragfähiges Unternehmen auf?

Was mir damals noch weniger bewusst war: Viele Herausforderungen der Selbständigkeit sind auf den ersten Blick organisatorische oder wirtschaftliche Fragen, berühren aber gleichzeitig sehr persönliche Themen.

In der Selbständigkeit muss man viele dieser Fragen immer wieder selbst beantworten. Es gibt keinen vorgegebenen Rahmen, kein festgelegtes Honorar und keine klare Struktur, an der man sich einfach orientieren kann.

Man muss selbst definieren:
Was ist meine Leistung wert?
Wie möchte ich zusammenarbeiten?
Welche Bedingungen brauche ich, um gute Arbeit leisten zu können?

Gerade diese Fragen haben mich in 19 Jahren Selbständigkeit immer wieder begleitet.


Der Wert der eigenen Arbeit

Eines der grössten Lernfelder war mein Honorar.

Am Anfang einer Selbständigkeit erscheint es naheliegend, mit niedrigen Preisen einzusteigen. Man hat wenig Erfahrung, möchte Kundinnen und Kunden gewinnen und erst einmal ins Arbeiten kommen.

Auch ich kenne diesen Gedanken.

Mit den Jahren habe ich jedoch gemerkt, dass die Honorarhöhe auch beeinflusst, wie die eigene Arbeit wahrgenommen wird und welche Art von Zusammenarbeit entsteht.

Wer vor allem darüber empfohlen wird, besonders günstig zu sein, zieht häufig weitere Menschen an, für die der niedrige Preis ein entscheidendes Kriterium ist. Aus dieser Position heraus später grössere Honorarsteigerungen vorzunehmen, ist deutlich schwieriger, als von Anfang an einen realistischen Wert für die eigene Arbeit festzulegen.

Dazu gehört auch, die eigene Leistung wirklich zu verstehen.

Gerade im Web- und Grafikdesign sehen Kundinnen und Kunden oft nur das sichtbare Ergebnis: eine Website, ein Logo, ein fertiges Design. Weniger sichtbar sind die vielen Schritte dahinter: Beratung, Konzeption, Erfahrung, Kommunikation, technische Umsetzung, Anpassungen und all die kleinen Entscheidungen, die am Ende dazu führen, dass etwas leicht und selbstverständlich wirkt.

Ich musste selbst lernen, diesen Wert klarer zu vertreten.

Besonders herausfordernd waren Situationen, in denen Kundinnen oder Kunden den Preis nach unten verhandeln wollten.

Natürlich darf jemand ein begrenztes Budget haben. Genauso darf ich als Selbständige entscheiden, zu welchen Bedingungen ich meine Erfahrung und Arbeitszeit zur Verfügung stelle.

Diese Klarheit musste ich allerdings erst entwickeln.

Lange kannte ich den Impuls, entgegenzukommen, einen zusätzlichen Kompromiss zu finden, es einfacher zu machen und den Auftrag nicht zu verlieren.

Irgendwann habe ich verstanden, dass Preisverhandlungen nicht automatisch bedeuten müssen, mein Honorar zu reduzieren. Es kann genauso bedeuten, den Umfang eines Projektes anzupassen, Prioritäten zu setzen oder gemeinsam zu prüfen, welche Lösung innerhalb eines vorhandenen Budgets möglich ist.

Das Entscheidende war für mich, den Wert meiner Arbeit nicht jedes Mal neu infrage zu stellen, sobald jemand anderes eine andere Vorstellung davon hatte.

Interessanterweise begegnete mir dieses Thema einige Jahre später noch einmal auf einer neuen Ebene.

Als ich von Deutschland in die Schweiz zog, hatte ich bereits viele Jahre Selbständigkeit hinter mir. Ich hatte meinen Kundenstamm aufgebaut, meine Erfahrung erweitert und mein Honorar über die Jahre angepasst.

Trotzdem fühlte sich dieser Schritt teilweise wieder wie ein Neustart an. Ein neues Land, ein neues Umfeld, ein neues Netzwerk.

Und plötzlich begegneten mir wieder ähnliche Situationen wie zu Beginn meiner Selbständigkeit: Ich musste meinen Wert vertreten, obwohl ich gerade dabei war, beruflich neu Fuss zu fassen.

Besonders spannend war dabei die Erfahrung, dass meine Herkunft manchmal direkt mit Erwartungen an meine Preise verbunden wurde. Weil ich aus Deutschland kam, wurde teilweise automatisch angenommen, dass ich günstiger arbeiten würde.

Auch hier durfte ich wieder lernen, bei meiner eigenen Einschätzung zu bleiben und meine Erfahrung nicht abhängig davon zu machen, welchen Wert andere Menschen ihr zuschreiben.

Ein Honorar festzulegen ist deshalb nicht nur eine wirtschaftliche Entscheidung. Es ist auch eine Auseinandersetzung damit, wie ernst ich meine eigene Zeit, meine Erfahrung und meine Energie nehme.


Vertrauen braucht Klarheit

Ein weiteres grosses Lernfeld waren Vereinbarungen.

Gerade bei kleineren Unternehmen, Selbständigen oder Menschen aus meinem privaten Umfeld begegnet einem manchmal der Wunsch, möglichst unkompliziert zusammenzuarbeiten.

„Wir brauchen keinen Vertrag, wir vertrauen uns doch.“

Lange entsprach dieser Gedanke auch meiner eigenen Vorstellung von Zusammenarbeit. Mir waren persönliche Beziehungen, Vertrauen und ein gemeinsames Ziel wichtiger als schriftliche Vereinbarungen.

Ich wollte auf Augenhöhe arbeiten, ohne unnötige Distanz zu schaffen.

Erst durch verschiedene Erfahrungen habe ich gemerkt, wie schwierig es werden kann, wenn Erwartungen, Verantwortlichkeiten oder Abmachungen unterschiedlich verstanden werden.

Interessant ist dabei, genauer hinzuschauen, was mit „Vertrauensbasis“ eigentlich gemeint ist.

Häufig bedeutet es in der Praxis: Eine Person erbringt zuerst die Leistung und vertraut darauf, dass die andere Seite anschliessend entsprechend bezahlt oder ihren Teil der Vereinbarung erfüllt.

Damit entsteht aber oft kein gleichmässig verteiltes Vertrauen, sondern eine einseitige Vorleistung.

Für mich wurde irgendwann eine andere Frage wichtig:
Wenn gegenseitiges Vertrauen vorhanden ist, warum gibt es dann überhaupt manchmal Widerstand dagegen, gemeinsame Absprachen transparent festzuhalten?

Eine gute Beziehung und eine klare Vereinbarung können sich gegenseitig unterstützen. Wenn beide Seiten wissen, worauf sie sich einlassen, entsteht mehr Sicherheit und Verbindlichkeit.

Das Organisatorische war für mich in all den Jahren nie das Problem. Mein Lernfeld lag darin, meine eigenen Bedürfnisse und Rahmenbedingungen ernst zu nehmen, auch wenn ein Teil von mir lieber unkompliziert sein wollte, niemanden enttäuschen und keine unnötigen Schwierigkeiten verursachen wollte.

Heute sehe ich klare Absprachen als einen wichtigen Bestandteil professioneller Zusammenarbeit.


Die eigenen Grenzen kennen und kommunizieren

Ein weiteres Thema zeigte sich bei Arbeitszeiten und Erreichbarkeit.

Gerade am Anfang meiner Selbständigkeit war mein Anspruch, möglichst flexibel und kundenorientiert zu sein. Wenn jemand nur abends Zeit hatte, fand sich ein Termin. Wenn etwas dringend war, sass ich auch ausserhalb meiner geplanten Arbeitszeit noch am Computer.

Natürlich gehört Flexibilität zu einer guten Zusammenarbeit. Doch irgendwann musste ich mir die Frage stellen, welche Arbeitsweise langfristig überhaupt tragfähig ist.

Selbständigkeit kann sehr leicht dazu führen, dass Arbeit keinen klaren Anfang und kein klares Ende mehr hat – besonders wenn man gerne macht, was man tut.

Auch hier ging es um eine innere Dynamik, die mir erst durch Reflexion wirklich bewusst wurde.

An der Oberfläche ging es um Termine, Erreichbarkeit und den Wunsch, eine gute Dienstleistung anzubieten.

Darunter lagen viel tiefere Fragen:

Muss ich jederzeit verfügbar sein, um als zuverlässig wahrgenommen zu werden?
Darf ich Grenzen setzen, ohne andere Menschen zu enttäuschen?

Genau diese tieferen Ebenen begegnen mir heute auch in Coachings. Häufig beginnt ein Prozess mit einer ganz konkreten Fragestellung. Im Verlauf zeigt sich dann, welche Erfahrungen, Muster oder inneren Überzeugungen damit verbunden sind.

Ähnliche Situationen entstanden im privaten Umfeld.

Gerade mit technischen Fähigkeiten hört man schnell: „Kannst du mal eben kurz schauen?“ oder „Du kennst dich da doch aus.“

Oft sind solche Fragen vollkommen freundlich gemeint. Gleichzeitig verschwimmen Rollen schnell, wenn aus einer kurzen Hilfestellung regelmässig unbezahlte Arbeit wird.

Heute ist mir Rollenklärung sehr wichtig geworden. Als Freundin, Familienmitglied, Designerin oder Coach nehme ich unterschiedliche Rollen ein. Diese bewusst zu unterscheiden, schützt am Ende auch die Beziehungen selbst.

Viele Konflikte lassen sich darauf zurückführen, dass Erwartungen unausgesprochen bleiben und unterschiedliche Vorstellungen davon bestehen, was selbstverständlich ist.


Sichtbar werden und zur eigenen Grösse stehen

Ein weiteres persönliches Lernfeld war die eigene Sichtbarkeit.

Interessanterweise war es immer meine Aufgabe, andere Menschen sichtbar zu machen. Als Designerin habe ich mit Kundinnen und Kunden herausgearbeitet, wer sie sind, was sie anbieten und wie ihr Aussenauftritt dies ausdrücken kann.

Bei der eigenen Sichtbarkeit kommen jedoch andere innere Themen hinzu.

Lange war mein Gedanke: Meine Arbeit ist meine beste Werbung.

Und bis zu einem gewissen Grad stimmte das. Die meisten meiner Aufträge entstanden tatsächlich durch Weiterempfehlungen.

Trotzdem musste ich lernen, dass es auch erlaubt ist, über die eigene Arbeit zu sprechen, die eigene Erfahrung sichtbar zu machen und die eigene Kompetenz klar zu benennen.

Gerade durch meinen Design-Hintergrund hatte mein eigener Aussenauftritt immer eine sehr professionelle Wirkung. Dabei habe ich erlebt, dass Sichtbarkeit auch Reaktionen auslösen kann, mit denen man vielleicht nicht rechnet.

Wenn Menschen die eigene Entwicklung zeigen, erfolgreicher werden, ihre Preise erhöhen oder selbstbewusster auftreten, kann das auch Vergleichsthemen berühren. In einzelnen Fällen vielleicht sogar Neid.

Über diese Seite von Sichtbarkeit wird selten gesprochen.

Denn natürlich wünschen sich viele Menschen mehr Sichtbarkeit für ihre Arbeit. Gleichzeitig bedeutet sichtbar sein auch, dass andere Menschen sich ein Bild machen, bewerten und die eigene Entwicklung aus ihrer Perspektive betrachten.

Auch hier war mein Lernfeld, meinen eigenen Weg weiterzugehen und mich nicht kleiner zu machen, nur weil meine Entwicklung bei anderen Menschen etwas auslöst.


Vom Gestalten zum Begleiten

Wenn ich heute auf 19 Jahre Selbständigkeit zurückblicke, sehe ich darin weit mehr als fachliche Erfahrung.

Natürlich habe ich gelernt, Websites zu entwickeln, Designs zu gestalten, Projekte zu organisieren und Unternehmen sichtbar zu machen.

Besonders geprägt haben mich jedoch die vielen menschlichen Situationen dahinter.

Dazu gehören Gespräche über Preise und Wert, Fragen rund um Vertrauen und Verbindlichkeit und Momente, in denen ich entscheiden musste, ob ich mich anpasse oder klarer für meine eigenen Grenzen einstehe.

Viele Themen, die mir heute im Coaching begegnen, kenne ich deshalb nicht nur aus der Theorie.

Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie herausfordernd es sein kann, berufliche Entscheidungen zu treffen, die eng mit dem eigenen Selbstbild verbunden sind.

Diese Verbindung zwischen beruflicher Entwicklung und persönlicher Reflexion ist ein wesentlicher Teil meiner heutigen Arbeit.

Was sich im Coaching häufig verändert

Viele Menschen erleben im Coaching, dass berufliche Fragen nach und nach mit den dahinterliegenden persönlichen Themen in Verbindung gebracht werden. Was zunächst wie eine Frage nach Honorar, Sichtbarkeit, Erreichbarkeit oder Zusammenarbeit erscheint, führt häufig zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstwert, den eigenen Grenzen und inneren Überzeugungen.

Mit der Zeit entsteht oft mehr Klarheit darüber, welche Entscheidungen wirklich zur eigenen Haltung und den eigenen Bedürfnissen passen. Dadurch fällt es vielen Menschen leichter, den eigenen Wert zu vertreten, Rollen bewusst zu gestalten und berufliche Beziehungen klarer und verbindlicher zu leben.

Wenn Sie den Eindruck haben, dass hinter beruflichen Entscheidungen mehr steckt als organisatorische Fragen, begleite ich Sie gerne dabei, diese Zusammenhänge gemeinsam zu reflektieren und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Weiterführende Gedanken

Wenn dieses Thema Sie interessiert, finden Sie hier weitere Gedanken dazu:

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